Blog 10: Das Floß nach dem Fluss: Vom Wert der Religion nach dem Erkennen

Religiöse Muster, Rituale und Symbole behalten auch danach einen tiefen Wert. Religion ist im besten Sinne ein „Hinzeigen“ (Religio = Rückbindung) auf das, was man in der direkten Erfahrung (Direct Pointing) jenseits von Worten erkennt.

Hier ist der Grund, warum das Beibehalten religiöser Muster auch nach der Einsicht absolut sinnvoll ist und was sie bewirken:

Das Gefäß für den Alltag (Integration)

Die Einsicht in die Ich-Illusion ist oft ein punktuelles Ereignis oder ein Zustand reiner Wahrnehmung. Doch unser Nervensystem und unser Alltag laufen in der relativen Welt weiter.
  • Was das Muster bewirkt: Religiöse Muster (wie Gebete, Meditationen, feste Tagesabläufe) wirken wie ein stabiles Gefäß. Sie helfen dabei, die weite, formlose Einsicht in eine strukturierte, menschliche Form zu gießen, damit man im Alltag nicht „die Bodenhaftung verliert“.

Die Brücke zum Unaussprechlichen (Sprache des Herzens)

Das, was beim Direct Pointing erkannt wird, entzieht sich dem rationalen Verstand. Man kann es nicht in Logik packen.
  • Was das Muster bewirkt: Religionen nutzen die Sprache des Mythos, der Metapher, der Musik und der Kunst. Ein Ritual spricht nicht den Verstand an, sondern das Gefühl und das Unterbewusstsein. Es erlaubt es dir, das Erkannte rituell zu feiern und auszudrücken, wofür es keine rationalen Worte gibt.

Hingabe statt spirituellem Egoismus

Nach dem Durchschreiten des Tores droht eine subtile Gefahr: Das Ego baut sich hinterrücks wieder auf und sagt: „Ich bin jetzt erwacht, ich habe es verstanden.“ Das nennt man spirituelle Bypassing oder spirituellen Narzissmus.
  • Was das Muster bewirkt: Religiöse Muster beinhalten fast immer Elemente der Hingabe (Devotion), des Verbeugens und des Dienens vor etwas, das größer ist als die eigene kleine Person (ob man es Gott, das Eine, oder das Ganze nennt). Das hält den Geist demütig und bricht den Stolz, noch bevor er entstehen kann.

Psychologische Psychohygiene und Mitgefühl

Religionen haben über Jahrtausende psychologische Mechanismen entwickelt, die das menschliche Zusammenleben und die Psyche stabilisieren.
  • Was das Muster bewirkt: Praktiken wie Vergebungsrituale, Beichte, oder das gemeinsame Singen regulieren das Nervensystem, reinigen das emotionale Feld und stärken das Mitgefühl. Selbst wenn man weiß, dass das „Ich“ eine Illusion ist, leidet der Körper-Geist-Organismus immer noch unter alten Mustern. Religiöse Praktiken sind hervorragende Werkzeuge, um diese Konditionierungen sanft aufzulösen.
Das Gleichnis vom Floß: Der Buddha verglich seine Lehre (und damit jede Religion) mit einem Floß, das man benutzt, um einen Fluss zu überqueren. Wenn man am anderen Ufer (der Einsicht) angekommen ist, trägt man das Floß nicht auf dem Kopf weiter durch den Dschungel. Aber: Man zertrampelt es auch nicht voller Verachtung, denn es rettet weiterhin anderen Menschen das Leben – und vielleicht muss man selbst irgendwann wieder an ein anderes Ufer übersetzen.

Wenn man die Essenz verstanden hat, liest man die heiligen Schriften der Religionen plötzlich mit völlig neuen Augen. Sie sind dann keine Dogmen mehr, die man blind glauben muss, sondern exzellente, poetische Wegbeschreibungen von Menschen, die genau denselben Raum betreten haben. Sie fließen alle in dieselbe Richtung.