Blog 6: Nach dem Erwachen: Turbulente Phasen
Hier ist eine Übersicht darüber, warum es auch mal ungemütlich werden kann und wie man am besten damit umgeht. Um eines vorweg zu sagen: Nichts wirkliches geht verloren.
Die folgenden Punkte habe ich größtenteils selbst durchlebt. Zum anderen während der Begleitungen von anderen übermittelt bekommen.
1. Was passieren kann: Die ungemütlichen Phasen
Wenn die Illusion des Kontrolleurs wegbricht, fällt auch der psychologische Schutzwall, den das Ego jahrelang mühsam aufrechterhalten hat. Das kann zu verschiedenen Phänomenen führen:
Das „Existenzielle Vakuum“ (Orientierungslosigkeit)
- Was passiert: Wenn da kein „Ich“ mehr ist, das eine Identität, eine Lebensgeschichte oder feste Ziele verteidigen muss, kann sich eine tiefe Orientierungslosigkeit breitmachen. Fragen wie „Wer steht hier eigentlich morgens auf?“ oder „Warum sollte ich überhaupt noch arbeiten gehen?“ werden plötzlich akut.
- Das Gefühl: Es fühlt sich an wie ein emotionaler Leerlauf oder eine Form von Apathie. Manchmal auch wie eine tiefe, existenzielle Einsamkeit, weil die gewohnte Trennung zur Welt fehlt, an die man sich geklammert hat.
Das emotionale „Detox“ (Die Welle der alten Muster)
- Was passiert: Das Durchschauen des Ichs löscht nicht magisch die neuronalen Bahnen und emotionalen Traumata im Körper. Im Gegenteil: Weil das Ego nicht mehr da ist, um Gefühle zu deckeln, wegzudrücken oder wegzuerklären, bricht das jahrelang Angestaute ungefiltert hervor.
- Das Gefühl: Plötzliche, heftige Wellen von Angst, Wut, Trauer oder Scham, die scheinbar grundlos aus dem Nichts auftauchen. Der Verstand versucht oft verzweifelt, im Nachhinein eine Geschichte dazu zu erfinden, warum man sich gerade so schlecht fühlt.
Das „spirituelle Bypassing“ fliegt dir um die Ohren
- Was passiert: Manche nutzen die Erkenntnis „Es gibt mich ja gar nicht“ unbewusst als Schutzmechanismus, um sich vom Schmerz der Welt zu distanzieren. Wenn das Leben dann mit voller Wucht zuschlägt (Krankheit, Trennung, Geldsorgen), merkt man schmerzhaft, dass der Körper und das relative Leben immer noch den Naturgesetzen und dem Schmerz unterliegen.
2. Konkrete Beispiele aus dem Alltag
| Situation | Die „Illusion“ danach | Warum es wehtut |
| Beziehungen | Man merkt, dass viele Beziehungen auf Ego-Bedürfnissen basierten (Bestätigung, Sicherheit). | Alte Freundschaften oder Partnerschaften können plötzlich auseinanderbrechen, weil die gemeinsame emotionale Basis fehlt. Das fühlt sich nach Isolation an. |
| Beruf / Karriere | Der Drang, der „Beste“ zu sein oder Status anzuhäufen, verpufft. | Man verliert eventuell den Antrieb für den aktuellen Job, hat aber noch keine neue Richtung. Das erzeugt Existenzangst. |
| Körpererleben | Der Körper wird als hochsensibles, offenes System wahrgenommen. | Reizüberflutung. Orte wie Supermärkte oder laute Partys können plötzlich physisch und psychisch extrem anstrengend oder kaum erträglich sein. |
3. Was man dann tun muss (und was nicht)
Das Paradoxe nach dem Durchschauen der Ich-Illusion ist: Es gibt keinen „Agenten“ mehr, der aktiv etwas tun könnte, aber es braucht eine fundamentale Neuausrichtung des Fokus.
1. Radikale Erlaubnis statt spirituellem Verleugnen
Der größte Fehler in dieser Phase ist zu denken: „Ich habe das Ich durchschaut, also sollte ich keine Angst mehr haben.“ Das ist ein Konzept. Wenn Angst da ist, ist Angst da.
- Was zu tun ist: Erlaube der Turbulenz, genau so zu sein, wie sie ist. Das Durchschauen bedeutet nicht, dass keine Stürme mehr kommen, sondern dass du der unendliche Raum bist, in dem der Sturm stattfindet. Lass den Körper zittern, weinen oder wütend sein, ohne eine Geschichte daraus zu machen.
2. Erdung und Fokus auf den Körper (Somatic Experiencing)
Die Erkenntnis der Ich-Illoson ist oft sehr „kopflastig“ oder raumgreifend. Jetzt muss die Energie wieder zurück in die Materie.
- Was zu tun ist: Geh in die Natur, mach Gartenarbeit, nimm heiße Bäder, iss deftiges Essen. Spüre den Körper von innen heraus. Massagen oder sanftes Yoga helfen, die aufgewühlten Energien im Nervensystem zu integrieren.
3. Den Verstand („Das Nachbeben“) ignorieren lernen
Der Verstand wird versuchen, die Orientierungslosigkeit als „Fehler“ zu interpretieren. Er wird sagen: „Du hast etwas falsch gemacht, du bist depressiv, du hast dein Erwachen verloren.“
- Was zu tun ist: Nimm diese Gedanken als das wahr, was sie sind – automatische Wetterphänomene im Bewusstsein. Du musst mit diesen Gedanken nicht in Verhandlung treten.
4. Keine voreiligen Lebensentscheidungen treffen
In der Phase der Orientierungslosigkeit neigt man dazu, alles hinzuschmeißen (Job kündigen, auswandern, Beziehungen beenden), weil sich alles bedeutungslos anfühlt.
- Was zu tun ist: Warte ab. Lass den Schlamm sich erst einmal setzen, bis das Wasser wieder klar wird. Entscheidungen, die aus einem Vakuum oder aus Angst getroffen werden, stiften oft nur noch mehr Chaos.